
Unternehmen preisen den mündigen Verbraucher - Internet-Provokateur Adam Fletcher hält das für eine Farce. Sich Gedanken über Kaffeesorten oder Sockenstoffe zu machen hält er für Zeitverschwendung. "Verbraucher wollen unfrei sein", sagt er im SPIEGEL-ONLINE-Interview.
SPIEGEL ONLINE: Herr Fletcher, kennen Sie den Film "The Matrix"?
Fletcher: Jeder kennt den Film "The Matrix".
SPIEGEL ONLINE: In der Geschichte halten Maschinen die Menschheit in einer virtuellen Realität gefangen. Jede Handlung ist programmiert. Die Matrix funktioniert aber nur, weil die Menschen trotzdem glauben, sie hätten bei jeder Entscheidung freie Wahl. Leben wir in einer Konsum-Matrix?
Fletcher: Zumindest leben wir in einer Konsumwelt, in der belanglose Dinge abschreckend kompliziert sind. Wer bei Starbucks einen Kaffee bestellen will, muss eine Art neue Sprache lernen: Grande? Tall? Venti? To go? Karamell-Apfel-Zimt-Macchiato mit weißen Schokokrümeln? Bohnen aus Peru oder aus Mosambik? Wenn Alltagsdinge zur Wissenschaft werden, fühlen wir uns dumm. Man traut sich ja kaum noch, einen Kaffee zu bestellen.
SPIEGEL ONLINE: Unternehmen sprechen vom mündigen Verbraucher.
Fletcher: Ich spreche von obsessivem Entscheidungszwang. Verbraucher wollen unfrei sein. Sie sind froh, wenn man sie entmündigt. Wer hat Zeit, sich über Geschmacksnuancen von Kaffees oder den ökologischen Fußabdruck von Socken den Kopf zu zerbrechen? Die Leute wollen ihren Durst stillen und sich die Füße wärmen. Alles Weitere sollten andere übernehmen.
SPIEGEL ONLINE: Eine Wahl haben Sie dem Verbraucher jetzt abgenommen. Sie verkaufen seit zwei Tagen T-Shirts über die Internetseite Hipstery - ohne dem Käufer zu verraten, wie diese aussehen. Sie und ihre Kollegen behaupten, zu wissen, was Leute wollen, die selbst nicht wissen, was sie wollen. Warum sollte man ihnen glauben?
Fletcher: Weil wir zusammen zwölf Jahre Erfahrung im T-Shirts-Verkauf haben. Die Leute vertrauen darauf, dass ihr Arzt sie gesund macht - warum sollten sie nicht darauf vertrauen, dass wir bessere T-Shirts aussuchen als sie selbst?
SPIEGEL ONLINE: Okay. Ich bestelle also blind ein T-Shirt, bezahle 25 Euro und merke hinterher, dass ich das Teil nie anziehen würde - frustriert das nicht?
Fletcher: Auch nach dem Shoppen ist man selten wirklich zufrieden. Niemand hat Geduld und Zeit, sich alles anzusehen, was einem die Modelabels ungefragt vorsetzen. Jeder Kauf ist ein Kompromiss, und hinterher haben wir das Gefühl, dass das, was wir gekauft haben, nicht das Optimale ist. Von diesem Gefühl befreien wir die Menschen. Wir geben ihnen Lebenszeit zurück, die die Konzerne ihnen rauben.
via spiegel.de
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